28. Joseph Brodsky:
Marmor
geschrieben: 1989
Originaltitel: Мрамор (russisch)
(103 Seiten)
gelesen im Mai 2014
Fazit: **** LIKE
Wir haben uns wieder einmal für ein Theaterstück entschieden, und zwar von dem russischen Dissidenten Joseph Brodsky (1940-1996). Bis jetzt haben wir mit den Sowjetschriftstellern immer gute Erfahrungen gemacht, und daher hatten wir auch ein gutes Gefühl bei dieser Wahl.
Marmor ist ein Dialog zwischen zwei Inhaftierten in einem Turm. Die Namen der Protagonisten klingen zwar lateinisch, jedoch die moderne Technik, die ihnen zur Verfügung steht, zeigt, dass die Handlung nicht zu Zeiten der römischen Kaiser, sondern eher in unserer Gegenwart, wenn nicht sogar Zukunft, anzusiedeln ist.
Die beiden Inhaftierten Publius und Tullius könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Tullius das Regime gutheisst, steht Publius dem ganzen skeptisch, sogar negativ gegenüber. Die beiden sind zwar lebenslänglich eingesperrt, jedoch können sie alles bestellen, wonach ihnen gelüstet, solange sie sich den Regeln eines Computerprogramms unterwerfen. Publius sieht dies als Unterdrückung an, während Tullius ihm im letzten Akt beweist, dass man sehr wohl aus dem Turm flüchten kann, wenn man will. Doch da er dies nicht will, kehrt er nach seiner gelungenen Flucht freiwillig zurück in den Turm. Dies ist für Publius unverständlich, obwohl er froh ist, dass Tullius zurückgekommen ist. Die beiden müssen versuchen, miteinander auszukommen, denn die Alternative, allein zu sein, ist ihnen noch unerträglicher, als die Gewissheit, bis an ihr Lebensende zusammen sein zu müssen.

Ziemlich schnell wird dem Leser klar, dass sowohl die Staatsordung, wie auch die erwähnten Herrscher Tiberius und Caligula für das sowjetische Regime stehen. So ist Tiberius, der von Tullius verehrt wird, offensichtlich mit Lenin gleichzusetzen. Joseph Brodsky verpackt seine Kritik am Regime in diese distopische Fabel, ganz im Sinne eines Voltaire. So könnte man auch den Titel des Stückes zweideutig verstehen: zum einen spielt Marmor auf die Marmorbüsten der Dichter an, die sich die beiden fortwährend auf ihr Zimmer bestellen. Gemeint ist sicherlich aber auch das versteinerte und unnachgiebige Regime, dem die beiden ausgeliefert sind.
Das Stück hat uns sehr gut gefallen, der Wortwechsel der beiden war eine gelungene Mischung aus witzigen, oft surrealistischen Repliken und harten, nachdenklich stimmenden Monologen. Das Lesevergnügen wäre jedoch wohl noch grösser gewesen, wenn wir den politischen Hintergrund noch genauer gekannt hätten. Eine kommentierte Ausgabe wäre da hilfreich gewesen. So haben wir ganz bestimmt nicht alle Allusionen verstanden, und damit wohl nicht alles aus dem Stück herausgezogen, was der Autor uns mitteilen wollte. Dennoch bleibt es ein absolutes LIKE.
Leseprobe:
Book 27 Table of Contents 1 Book 29