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Literarische Familienpolitik: Emil Schaus und sein Traum vom Kinde


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Erste Seite des Manuskripts Lisa Timesch. Dritte Version 1970,
 CNL L-357; I.1.4 (3).
Manche Werke schreiben sich, innerhalb kürzester Zeit, fast wie von selbst. So brachte Claudine Muno laut eigenen Aussagen ihren ersten Roman, The moon oft the big winds, in nur knapp einer Woche zu Papier, 1 während andere Autoren vielleicht über Jahrzehnte an ihrem Opus magnum feilen. Es genügt also nicht, das Erscheinungsjahr eines Werkes zu kennen, um den Kontext, in dem das Buch entstanden ist, zu verstehen. Für den Literaturwissenschaftler und Archivisten stellt die Frage nach der Entstehung eines Textes ohnehin eine unwiderstehliche Aufforderung zum Stöbern in den Archivkästen dar. Und so bot es sich an, den Nachlass von Emil Schaus, der vor kurzem im Literaturarchiv deponiert wurde, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In welche Kategorie fällt zum Beispiel Emil Schausʼ erster großer Roman, Lisa Timesch?2 Schneller Wurf oder langsame Reifung? Der folgende Artikel lädt den Leser auf eine Spurensuche ein...
 
1 Eine Trilogie um Familienwerte, Heimat und Kriegserinnerungen
Emil Schaus. Fotograf: Wolfgang Osterheld. 1988. CNL Fotoarchiv F-10-85.
Emil Schaus (1903-1994), der ehemalige Direktor der Lehrernormalschule, hat sich vor allem als Politiker einen Namen gemacht. Ab 1959 wurde er Minister für Landwirtschaft, Erziehung, Bevölkerung und Familie, anschließend saß er bis 1968 als Vertreter der CSV in der Abgeordnetenkammer, im Europarat und im Europaparlament. Nach seiner Pensionierung wandte er sich verstärkt seiner zweiten Leidenschaft zu, dem Schreiben. Seine ersten literarischen Werke hatte er bereits in den vierziger Jahren veröffentlicht, aber erst nach seiner Pensionierung erschienen, in rascher Folge ab 1979, drei große Romane, die Emil Schaus als sein literarisches Hauptwerk ansah: Lisa Timesch (1979), Marianne Bourkels (1981) und Auf der Galeere (1982). Die drei Bücher waren, wie aus Notizen und Briefen hervorgeht, von Anfang an als Trilogie konzipiert, als literarische Verdichtung von Schausʼ politischem Schaffen und Panorama der Luxemburger Geschichte zwischen 1910 und 1945. Jedes Buch behandelt dabei einen anderen Schwerpunkt: Lisa Timesch stellt die Familie in den Vordergrund, Marianne Bourkels das dörfliche Leben im Westen Luxemburgs und Auf der Galeere die Erlebnisse eines jungen Luxemburgers während des Zweiten Weltkriegs.
 
Der erste Band erzählt die Geschichte zweier Bauernkinder aus dem Westen Luxemburgs, Lisa Timesch und Mathias Arens. Der Roman beschreibt zunächst ihre idyllische Dorfkindheit im Kreise pflichtbewusster, liebevoller Familien. Nach dem Abitur studiert Mathias in München und Toulouse. Als er sein Ziel, ein erfolgreicher Architekt zu werden, aus den Augen zu verlieren droht, gibt ihm eine Brieffreundschaft mit Lisa neuen Halt. Der größte Teil des Romans spielt in den zwanziger Jahren, nach ihrer Heirat. Während Mathias sich in Echternach und später in der Stadt Luxemburg eine Existenz als Architekt aufbaut, fühlt sich Lisa als Hausfrau unausgelastet. Nach einer Fehlgeburt scheint ihr Kinderwunsch zudem unerreichbar. Kernstück und Wendepunkt des Buches bildet eine längere Szene rund um ein geselliges Abendessen, bei dem Mathias mit einigen Freunden über Lebensentwürfe und Familienplanung diskutiert.3 Im letzten Drittel geht Lisas Kinderwunsch dann endlich in Erfüllung.
 
Bereits diese kurze Zusammenfassung zeigt, dass der Roman traditionell konservative Werte verteidigt und »bleibende, fortwirkende Familienwerte« schaffen will, wie eine Werbung für das Buch betont.4 Lisa Timesch also als Gegenentwurf zum Individualismus und Selbstverwirklichungsstreben der siebziger Jahre? Dafür scheint zu sprechen, dass die einzige Figur der Abendgesellschaft, die für ein ungebundenes, kinderloses Leben plädiert, nämlich die dreißigjährige, unverheiratete Ginette, einfältig und egoistisch dargestellt wird.
 
Emil Schaus' Geburtshaus in Reimberg,
 Dezember 1979. CNL L-357.
Als der Roman 1979 erscheint, ist Emil Schaus 76 Jahre alt. Das Dorfleben, das er zu Beginn des Buches beschreibt, ist ein Idealbild des frühen 20. Jahrhunderts, ein Sittenbild einer vergangenen Zeit, doch die sozialen Themen, die er vor allem im zweiten Teil des Romans anschneidet, werden in den siebziger Jahren auch von anderen, jüngeren Autoren und Journalisten in Literatur und Presse besprochen. Auf den ersten Blick scheint es sich hier also ganz klar um das Spätwerk eines pensionierten Politikers zu handeln, der erst jetzt die Muße findet, sich der Schriftstellerei voll und ganz zu widmen und sich literarisch in die Debatten seiner Zeit einzubringen. Doch in einer Pressemitteilung, veröffentlicht in der Weihnachtsausgabe von Gaart an Heem, liest man: »Vom Autor kann man erfahren, dass der erste Entwurf des Romans aus den düsteren August- und Septembertagen von 1939 stammt. Eben hatten Hitler und Stalin einen Pakt geschlossen. Dies bedeutete Krieg, Elend und Tod. Gegen diese Düsternis musste eine Hoffnung gesetzt werden, das Kind.«5
 
2 Der erste Entwurf
Die Entstehungsgeschichte des Buches reicht also bis in die Tage vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Wurde das Buch etwa ganze vierzig Jahre vor seiner Herausgabe geschrieben? Wenn ja, wieviel hat Schaus im Laufe der Jahre daran verändert, und warum blieb das Buch so lange unveröffentlicht? Konkrete und stichhaltige Antworten auf diese Fragen gibt es im Nachlass des Autors, der sich seit 2013 im Luxemburger Literaturarchiv in Mersch befindet und rund vierzig Archivkästen umfasst. Die Papiere waren vom Autor bereits grob sortiert und annotiert worden. Der größte Teil des Nachlasses besteht aus Manuskripten und Notizen zu literarischen und lokalhistorischen Werken, politischen Reden und Zeitungsartikeln.
 
Die Vorarbeiten zum Roman Lisa Timesch umfassen zwei Archivkästen. Weitere interessante Bemerkungen zum Buch finden sich in der Korrespondenz des Schriftstellers. Ein erster Hinweis, dass der Roman nicht wirklich das Spätwerk ist, als das es auf den ersten Blick erscheint, findet man in einem Brief aus dem Sommer 1979 von Emil Schaus an seinen Parteikollegen Nic Estgen. Schaus erinnert sich an einen Tagebucheintrag kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs:
 
»As et iewer nit korjies, wat ech grad de 25.8.1939 an meen Tagebuch geschriwen hun: Ech géif seet Méint dru plangen, éng ›Novell‹ vum Kaund ze schreiwen. A vleecht kéint ä se betitelen: ›DʼSo vum Kaund, dʼLidd oder den Dram vum Kaund‹. [...] DʼBuch gët fir mech éng Aart Rempart géint dat Deeschtert, dat do erangebrach as. Den November 1939 an den Abréil 1940 notéieren ech, datt ech Kapitele fäerdeg hätt. Bestëmmt waren et déi, wou dʼLisa zu Baville an de Mathias zu Rainheck hir schéi Kannerjoëre verbréngen. [Ë]nner dem Rhythmus an den Téin vun de Psalmen [Chrëschtdag an der Kathedral] sin allerhaund Iddien an Szenen op mech erankoum, déi mer nogeluegt hun, dʼNovell zu éngem Roman ze maën.«6
 
Der erste Teil des Buches über Lisas und Mathiasʼ Kindheit auf dem Dorf scheint bereits vor Schausʼ Verhaftung Ende Oktober 1941 fertiggestellt worden zu sein. Nach seiner Freilassung aus dem KZ Dachau, als er zwangsläufig an der Saale in Mitteldeutschland lebt, bietet die Schriftstellerei Schaus Trost und innere Zuflucht. In einem Brief nach Hause, der als Vorwort in seiner ersten Novelle Schneʼg abgedruckt ist, beschreibt Schaus, wie er abends an sein Heimatdorf und seine Katze Schneʼg zurückdenkt und Trost im Schreiben dieser autobiographisch inspirierten Tiergeschichten findet. Schneʼg ist Schausʼ erste Veröffentlichung, aber wenn man seinen Ausführungen im oben genannten Brief glauben darf, sind die ersten Kapitel zu Lisa Timesch gut drei Jahre früher entstanden. Sein ›Spätwerk‹ entpuppt sich damit urplötzlich als ein erster literarischer Gehversuch.
 
Dieses frühe Manuskript aus den vierziger Jahren ist jedoch leider nicht erhalten, möglicherweise ist es den Kriegswirren zum Opfer gefallen. Es gibt aber im Nachlass einen unscheinbaren Zettel, auf dem der Autor eine Art Zeitplan zur Entstehung des Romans aufgestellt hat. Der Plan ist mit Sicherheit im Nachhinein verfasst worden, denn er reicht bis zum 30. März 1979, also bis kurz vor die Veröffentlichung von Lisa Timesch. Schaus hält darin auf den Tag genau fest, wann welche Ziele erreicht wurden. 7
 
Schaus' nachträglicher Plan über die Entstehung seiner Trilogie Lisa Timesch,
 Marianne Bourkels und Auf der Galeere. CNL L-357; I.1.4 (12).
Der Plan beginnt am 25. August 1939 mit dem Vermerk: »seet Méint de Plang, eng ›Novell vum Kaund‹ ze schreiwen«. Soweit stimmt das Datum mit Schausʼ Bemerkung im Brief an Nic Estgen überein. Nach einem ersten Kapitel Anfang 1940 arbeitet der Autor bis Dezember weiter an der Geschichte, die nun Traum vom Kinde heißt. An Weihnachten 1940 kommt ihm dann der Gedanke, »ä Roman dros ze maën, die méi weet räeche soult (Kamill od. Marie-Claire)«. Die in Klammern stehenden Namen deuten darauf hin, dass Schaus damals nicht nur die Idee zu Lisa Timesch hatte, sondern gleich eine Trilogie mit jeweils einem anderen, komplementären Schwerpunkt verfassen wollte: Lisa Timesch behandelt Frauen- und Familienproblematiken, Marianne Bourkels (die zunächst Marie-Claire Orianne hieß) erinnert an das Dorfleben im Préizerdaul, aus dem Schaus stammt, und Auf der Galeere beschreibt die Kriegserlebnisse eines jungen Luxemburgers. Dieser heißt in den ersten Manuskripten Kamill, später ändert Schaus den Namen in Tony Bourkels um. Selbstverständlich konnte der Autor 1940 noch keine Vorstellung von den Ereignissen in Auf der Galeere haben, denn diese beschreiben detailgetreu viele Erlebnisse des Kriegsgefangenen Schaus selbst. Aber es kann schon sein, dass er bereits einige Monate nach der deutschen Besetzung Luxemburgs vorhatte, die kommenden Kriegsjahre in einem Roman zu verarbeiten.
 
Bereits in einem Brief 1945 erwähnt Schaus sein Romanprojekt Der Traum vom Kinde. CNL L-357; II Fonds Emil Schaus.
Später schreibt Schaus in einem Brief an Pierre Grégoire: »Ich hatte 1941 eben begonnen, den Text ein erstes Mal zu tippen, als die Gestapo mich abführte.«8 In diesem Jahr verzeichnet auch der Plan einen Einschnitt. Die Geschichte bleibt ein ›Romanfragment‹. Wieviel genau Schaus zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben hat, bleibt indes ungewiss. Er scheint sich selbst nicht genau zu entsinnen, wenn er Nic Estgen schreibt, dass es wohl die ersten Kapitel zu den Kindheitstagen gewesen sein müssen. Dieser Teil des Buches erinnert in der Tat sehr an Schausʼ frühe Tiergeschichten Schneʼg und Rougette, in denen er das bäuerliche Leben mit Haustieren in lebendigen Anekdoten schildert.
 
Karikatur über den Politiker Emil Schaus. Seine Agrar- und Familienpolitik waren nicht unumstritten. [s.d.] CNL L-357; III.1.4 (2).
Nach seiner Rückkehr nach Luxemburg 1945 macht Schaus einen erneuten Versuch, den Roman fertigzustellen. In einem Brief an den Direktor des Luxemburger Worts kündigt er an, ihm bis Ende des Jahres ein weiteres Manuskript zu liefern, den Traum vom Kinde.9 Schaus scheint in der Tat am Roman weiterzuschreiben, denn einige Stellen in Kapitel 11 und 13 enthalten Themen, für die sich Schaus zu der Zeit sehr interessiert: die schlechten Wohnbedingungen der Arbeiterfamilien und der Geburtenrückgang. 1946 nimmt Schaus an einem Kongress zu Familienfragen in Brüssel teil, in dem er genau die gleichen Argumente präsentiert, die auch im Roman in einem Streitgespräch über die Bevölkerungsentwicklung in Luxemburg vorkommen.10 Doch scheint Schaus seinen Traum vom Kinde zu dieser Zeit nicht fertiggestellt zu haben, jedenfalls ist kein Korrespondenzwechsel erhalten, der darauf hindeutet.
 
Karikatur über den Politiker Emil Schaus. Seine Agrar- und Familienpolitik waren nicht unumstritten. [s.d.] CNL L-357; III.1.4 (2).
Während der nächsten fünfundzwanzig Jahre bleibt das Manuskript unbeachtet liegen. Anstatt als Schriftsteller, macht es sich Emil Schaus zur Lebensaufgabe, den Erhalt der Familie als Politiker zu fördern. 1946 gründet er zusammen mit einigen Gleichgesinnten die Action familiale et populaire (AFP), deren erster Präsident Félix Worré ist. Schaus selbst wird Generalsekretär. Die AFP stützt sich vor allem auf die Ideen des katholischen Journalisten Jean Baptiste Esch, der mit Schaus in Dachau inhaftiert war und 1942 von den Nationalsozialisten getötet wurde. Esch hatte seine Vorstellungen von einer religiös geprägten Sozialpolitik, in der die kinderreiche Familie im Mittelpunkt steht, bereits in den dreißiger Jahren im Luxemburger Wort vorgestellt. In einem Interview zum Anlass des 35. Geburtstages der AFP erklärt Schaus, wie sehr J.B. Esch seine politische Arbeit beeinflusst habe.11 Hauptziel sei die materielle Besserstellung der Familie, vor allem durch staatliche Zulagen und Privilegien.
 
In den sechziger Jahren kann Schaus als Minister für Bildungs- und Familienangelegenheiten viele Ziele der AFP umsetzen. Dies wird mancherorts als Übervorteilung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gesehen, zudem führt die Verflechtung von Parlamentsarbeit und Lobbying zu kritischen Stellungnahmen in der Presse.12
 
3 Aus Marthe Orianne wird Lisa Timesch
Ende der sechziger Jahre zieht sich Emil Schaus aus der Landes- und Europapolitik zurück. Der pensionierte Pädagoge findet nun wieder Zeit, an seinem Romanfragment weiterzuarbeiten. Er vermerkt in seinem Plan: »24.5.1970 Marthe Orianne neischreiwen«. Und bereits zwei Monate später betrachtet Schaus das Werk als abgeschlossen und notiert: »Marthe (oder Lisa) néinker getippt.«13
 
Diese, nun vollständige, Version ist glücklicherweise erhalten geblieben. Auf dem Titelblatt hat Schaus vermerkt, dass es die dritte Fassung seines Romans ist. Die namensgebende Protagonistin heißt hier tatsächlich Marthe Orianne, erst in der dritten erhaltenen Version ändert Schaus den Namen auf Lisa Timesch um. Warum er den Namen geändert hat, wissen wir nicht. Der Familienname Orianne ist allerdings interessant: Schaus stammt aus dem Préizerdaul, und das fiktive Dorf Baville, in dem Lisa aufwächst, soll wohl auch in dieser Gegend liegen. Schaus war sehr an der Geschichte seines Heimatdorfes interessiert. Er hat zahlreiche lokalhistorische Artikel und, in den achziger Jahren, eine Reihe Bücher über die Menschen und Traditionen in dieser Gegend veröffentlicht. Dabei ist er wohl auch auf den Namen von Jean Orianne gestoßen. Orianne war Zeit seines Lebens in der Gemeindepolitik aktiv, ab 1890 war er zwanzig Jahre lang Bürgermeister von Beckerich. Dem ersten Manuskript lag eine Aufstellung von Oriannes Nominierungen bei, Schaus scheint sich bei der Namenssuche also hier inspiriert zu haben.14 Der Politiker selbst wird im Roman nicht erwähnt, aber vielleicht soll der Name den Leser einfach an diese Gegend, den Westen Luxemburgs, erinnern. Zumindest könnte dies in der ersten Entstehungsphase 1940 die Idee gewesen sein, als der Name Jean Orianne den Menschen dort wohl noch ein Begriff war.
 
Im Laufe des Jahres 1970 beendet Emil Schaus sein literarisches Herzensanliegen, die Trilogie über Kindersegen, Heimat und Kriegserlebnisse. Schaus übergibt das gesamte Werk seinem Freund und Parteikollegen Pierre Grégoire und bittet ihn um ein Urteil. Dieses fällt jedoch eher lauwarm aus. Grégoire findet die Erzählung zu langschweifig und ausufernd. »Cela ne prend pas, ne fascine pas, ne saisit pas«.15 Er schlägt vor, die Geschichte zu straffen und aus den drei Teilen, die das Manuskript umfasst, ein einziges zu machen. Wie sehr Schaus dieses Urteil getroffen hat, kann man nur vermuten. Pierre Grégoire ist zu dieser Zeit nicht nur ehemaliger Kultur- und Bildungsminister, sondern seit Jahrzehnten ein äußerst produktiver Literat. Sein erster Roman erscheint bereits 1939, es folgen zahlreiche Romane, Erzählungen, Dramen und Essays. Die Buchgemeinschaft De Frëndeskrees, in dem auch zwei Bücher von Emil Schaus erscheinen, geht ebenfalls auf eine Initiative Grégoires zurück. Seine Meinung hatte für Schaus also vermutlich Gewicht. Wie Schaus auf Grégoires Urteil reagiert hat, wissen wir nicht, ein Brief ist nicht überliefert. Von Lisa Timesch sind drei Fassungen aus der Zeit um 1970 erhalten. Leider lässt sich nicht rekonstruieren, welche davon erst auf Grégoires Brief hin entstanden ist. Wenn man jedoch diese frühen Fassungen mit dem später veröffentlichten Roman vergleicht, springt eine Tatsache sofort ins Auge: Grundlegendes hat Schaus nicht verändert. Das Gerüst des Romans bleibt von der ersten erhaltenen Fassung an das gleiche. Die Kapitelfolge liegt fest, es werden keine Szenen hinzugefügt oder gestrichen. Von einer Straffung, wie Grégoire sie vorschlug, ist nichts zu bemerken.
 
Die auffälligsten Änderungen betreffen die Namen. Fast alle Figuren heißen in der ersten erhaltenen Version anders. Lisa Timesch ist, wie bereits oben erwähnt, Marthe Orianne. Ihr zukünftiger Mann heißt nicht Mathias, sondern Kamill und ihre Schwester Jeanny Karola. Warum Schaus die Namen Anfang der siebziger Jahre ändert, ist nicht überliefert. Vielleicht hat ein Bekannter, der das Manuskript gelesen hat, ihm den Rat gegeben, modernere Namen zu wählen. In der Tat klingen Lisa und Mathias frischer und weniger hausbacken als Marthe und Kamill. Auf jeden Fall scheint der Autor sich länger Gedanken über die Namen gemacht zu haben. Dies sieht man deutlich in der dritten erhaltenen Fassung: zunächst ändert Schaus im gesamten Manuskript mit Kugelschreiber Marthe in Martha um. Dann überlegt er es sich nochmals anders und ersetzt sämtliche Namen mit Bleistift. So wird aus Marthe Orianne Lisa Thimesch, zunächst noch mit h.
 
Noch weitaus interessanter und aufschlussreicher ist die Namensänderung von Lisas Ehemann, Mathias Arens. In der ersten Fassung heißt er noch Kamill Arens. Wenn wir nun das Originalmanuskript von Schausʼ drittem Roman Auf der Galeere aufschlagen, lesen wir als ersten Satz: »Kamill Arens saß im Gefängnis.« Der Protagonist des Romans ist also niemand anders als Lisas Mann, der von den Besatzern inhaftiert und nach Deutschland ins KZ gebracht wird. Das Familiendrama aus Lisa Timesch, das in den zwanziger Jahren spielt, findet hier also eine logische Fortsetzung. In den beiden Romanen, die schließlich um 1980 veröffentlicht werden, geht dieser Zusammenhang verloren. Aus Kamill Arens wird Mathias Arens in Lisa Timesch, während die Hauptfigur in Auf der Galeere jetzt Tony Bourkels heißt. Warum sich Schaus dazu entschloss, aus der ursprünglichen Familiensaga zwei eigenständige Romane zu machen, wissen wir nicht. Vielleicht dachte er, auf diese Weise Pierre Grégoires Rat, die Geschichte zu straffen, irgendwie entgegen zu kommen? Wie dem auch sei, scheint 1982, als Auf der Galeere herauskommt, kein Rezensent zu wissen, dass der Roman zunächst als Fortsetzung von Lisa Timesch gedacht war. Zumindest wird dies in keiner Buchbesprechung erwähnt. Aus dem Familienepos sind drei thematisch lose zusammenhängende Romane um Familie, Heimat und Krieg in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts in Luxemburg geworden.
 
4 Emanzipation und Mutterschaft – der Einfluss der siebziger Jahre
Vier Mal Gespräch über Familienplanung während eines geselligen Abendessens: 1. Handschriftlicher Entwurf [undatiert,
 1970-1976],
 CNL L-357; I.1.4 (4)
Abgesehen von den Namen nimmt Schaus fast nur kleinere Stilkorrekturen vor. Sätze werden umgeschrieben, einzelne Wörter ausgetauscht, längere Absätze unterteilt. Auf diese Weise vergrößert sich das Manuskript, ohne nennenswerte Änderungen, von 225 Seiten in der ersten Fassung auf 241 Seiten in der dritten Version. Einige Zusätze, wie etwa Mathiasʼ Gedanken über vergangene Zeiten während er durch den Echternacher Stadtpark spaziert, schaffen es dann doch nicht in die nächste Version. Alles in allem scheint Schaus mit seinem ursprünglichen Manuskript so zufrieden gewesen zu sein, dass er nur ungern etwas daran verändert. Nur an drei Stellen gibt es Modifikationen auf die es sich lohnt, näher einzugehen.
 
2. Schreibmaschinenversion von 1976,
 CNL L-357; I.1.4 (5)
Die erste ist die bereits erwähnte Abendgesellschaft in der Mitte des Buches. Bis auf den Arzt sind alle Anwesenden kinderlos. Mathias und Lisa fürchten, dass ihr Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen wird, ein älteres Ehepaar ist ebenfalls unfreiwillig kinderlos geblieben, dann ist da noch ein Junggeselle und schließlich die ebenfalls unverheiratete Ginette, die ein Leben ohne Kinder vorzieht. Es kommt zu einer heftigen Diskussion über Abtreibung zwischen Ginette und dem Rest der Gesellschaft. Dabei pocht sie ganz entschieden auf das Recht der Frau auf Selbstbestimmung. Die anderen Anwesenden werfen ihr Egoismus vor und bringen das Argument an, in Luxemburg würden nicht genügend Kinder geboren. Hier spricht zweifellos der CSV Familienpolitiker Schaus zu seinen Lesern. Diese Szene ist vielleicht die modernste im ganzen Roman. Zwar verteidigt der Autor eindeutig konservative Werte, doch die ganze Szene erinnert sehr an Debatten aus den frühen siebziger Jahren. Wenn Ginette deutlich sagt: »Das Recht auf den eigenen Bauch, auf Leidenschaft, scheint mir elementar« (S. 156) und dafür plädiert, die ersten Ehejahre zu genießen anstatt gleich ein Kind zu kriegen, dann denkt der Leser eher an die sexuelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre nach der Einführung der Pille als an die frühen Zwanziger, als Frauenrechtlerinnen in Luxemburg zunächst eher für einen leichteren Zugang zu Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten kämpften, obwohl es in Deutschland damals eine hitzige Debatte um den Abtreibungsparagrafen §218 gab.
 
3. Handschriftliche Veränderungen 1978/1979,
 CNL L-357; I.1.4 (7)
Es ist nicht anzunehmen, dass Schaus diese Szene bereits 1940 geschrieben hat. In der ersten erhaltenen Fassung gibt es sie zwar bereits, doch weitet der Autor die Argumente im Laufe der nächsten Versionen noch weiter aus, woraus ersichtlich wird, wie sehr ihm das Thema ganz offensichtlich am Herzen lag.
 
Letzte Version von 1979,
 CNL L-357; I.1.4 (8).
Es gibt noch eine weitere Szene in Verbindung mit Schwangerschaft, die im Lauf der Jahre eine subtile Änderung erfährt. Als Lisa nach einer Fehlgeburt erneut schwanger wird, fürchtet das Ehepaar, eine ärztliche Untersuchung könne dem werdenden Kind schaden. Mathias bittet daher seinen Jugendfreund und Gynäkologen René Gilson, auf innere Untersuchungen zu verzichten. Im Manuskript willigt der Arzt ein,16 im Buch jedoch widerspricht er Mathias entschieden und behält sich das Recht vor, die Schwangere so zu behandeln, wie er es für richtig empfindet. Dr Gilson droht seinem Freund gar, ihre Freundschaft könne daran zerbrechen, falls er sich nun an einen andern Arzt wenden sollte (S. 195). Mathias hat Angst, dass Lisa vor einem fremden Arzt noch befangener sein könnte und geht auf die Erpressung des Gynäkologen ein. Der Schwangeren selbst wird kein Entscheidungs-, ja noch nicht einmal ein Mitspracherecht eingeräumt. Es ist nicht sicher, inwiefern diese Szene als Kritik an den Machtansprüchen der Ärzte aufgefasst werden kann. Der Ablauf einer Schwangerschaft ist aber sicher ein Thema, das den Familienpolitiker interessiert hat. Er beschreibt die Geburt im Krankenhaus nämlich in allen Einzelheiten, bis hin zum Einsatz der Schere als Geburtshilfe (S. 221). Auch diese Szene erinnert eher an luxemburgische Verhältnisse in den siebziger als in den zwanziger Jahren. Erstens war es zu dieser Zeit nicht Sitte, dass der Vater des Kindes bei der Geburt anwesend ist, was für Mathias aber eine Selbstverständlichkeit darstellt. Auch eine Krankenhausgeburt war alles andere als üblich. Die Maternité, in der Lisa ihr Kind zur Welt bringt, wird zudem erst 1936 eingeweiht.17 Auch hier lässt der Familienpolitiker Emil Schaus wieder eine aktuelle Debatte in sein Historiendrama einfließen.
 
Erweiterung der Schlussszene um eine Diskussion über den bevorstehenden Krieg. Letzte (Schreibmaschine) und vorletzte Seite (Handschrift). Erste erhaltene Version 1970,
 CNL L-357; I.1.4 (1).
Gegen Ende des Buches biegt Schaus sich den chronologischen Ablauf der Geschichte für seine Zwecke zurecht. Seit Mathiasʼ Schuljahren in Echternach wird sein Lebenslauf akribisch genau beschrieben. Der inneren Logik des Romans zufolge müsste die Geburt daher gegen Ende der zwanziger Jahre stattfinden. Dies war von Schaus auch in der Tat so vorgesehen, wie ein weiteres Werk, auf das ich im nächsten Kapitel näher eingehen möchte, bezeugt. Doch bei der Kindstaufe wenig später bereitet der Autor schon den Übergang zum nächsten Teil seiner Trilogie vor, dem Zweiten Weltkrieg, der eigentlich noch gut zehn Jahre in der Zukunft liegen müsste.
 
Erweiterung der Schlussszene um eine Diskussion über den bevorstehenden Krieg. Letzte (Schreibmaschine) und vorletzte Seite (Handschrift). Erste erhaltene Version 1970,
 CNL L-357; I.1.4 (1).
Und damit kommen wir zur letzten bemerkenswerten Änderung im Manuskript, die Diskussion über den bevorstehenden Krieg. Die Kindstaufe, die die Abschlussszene des Romans bildet, umfasst im ersten Manuskript nur eine knappe Seite. Später entschließt sich Schaus, den Abschnitt auszuweiten und fügt am Rand mit rotem Kugelschreiber ein Gespräch der Familie über den drohenden Krieg hinzu. Im dritten Manuskript kommt noch eine weitere Debatte über den Krieg dazu, die Schaus mit Bleistift am Schluss der Abendgesellschaft einfügt.18 Das Thema Krieg, das im ersten Manuskript überhaupt keine Rolle spielte, wird somit im fertigen Roman gleich an zwei Stellen ausgiebig diskutiert.
 
5 Der zweite Rückschlag
Nach Pierre Grégoires enttäuschender Antwort hat Emil Schaus seinen Roman also nur noch leicht überarbeitet. Anfang 1973 findet er den Mut, eine zweite Meinung über das Manuskript einzuholen, und zwar bei Fernand Hoffmann. Hoffmann, seit 1970 Deutschlehrer am Institut pédagogique, war zu dieser Zeit vor allem als Verfasser der zweibändigen Geschichte der Luxemburger Mundartdichtung und umtriebiger Kulturkritiker im Luxemburger Wort und der Warte bekannt. 1972 veröffentlichte er seinen ersten Roman Die Grenze, der, wie Schausʼ Auf der Galeere, Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs zum Schauplatz hatte. Aus diesen Gründen erschien er ihm wohl der geeignete Kritiker für seine Trilogie zu sein.
 
Fernand Hoffmann rät Schaus,
 den Roman Lisa Timesch nicht zu veröffentlichen. Brief von F. Hoffmann an E. Schaus,
 16.02.1973,
 CNL L-357; II.
Leider ist auch Hoffmann nicht angetan von dem Werk. In einem Brief an Emil Schaus fällt er ein geradezu vernichtendes Urteil. Auf seine gewohnt schulmeisterlich-belehrende Art lehnt er alle drei Manuskripte kategorisch ab. Dabei bemängelt er vor allem den Stil:
 
»Ihre Sprache ist wie ein schlecht geschnittenes Gewand aus miserablem Stoff über einem prächtigen Frauenkörper: man geht achtlos daran vorbei. […] Sie hätten versuchen müssen, in einer Reihe von wohl ausgewählten Wirklichkeitsausschnitten, die, wirklichkeitsprall, in sich geschlossen, dennoch nach allen Seiten hin offengeblieben wären, im Teil das GANZE ahnen zu lassen. […] Mein Ratschlag: Veröffentlichen Sie dieses Manuskript nicht.«19
 
Doch Hoffmann kritisiert nicht nur, er hat auch einen konstruktiven Vorschlag, wie die Geschichte seiner Meinung nach zu retten ist. Er empfiehlt Schaus, Lisas Erlebnisse in Tagebuchform niederzuschreiben, da dies in Hoffmanns Augen eine literarisch anspruchslosere, und somit einfacher zu handhabende Form der Literatur ist. Zudem ist er der Ansicht, dass Schaus »in der Mundart mehr leisten könnte als in der Hochsprache«, er solle also lieber Luxemburgisch schreiben.
 
Diese erneute Ablehnung bringt Schaus endgültig davon ab, seine über Jahrzehnte gehegte Idee zu veröffentlichen. Schaus teilt Hoffmann mit, er habe entschieden, das Manuskript liegen zu lassen und eine eventuelle posthume Herausgabe seinen Nachkommen zu überlassen. Doch der Wunsch, seine politischen Ideen einem breiteren Publikum in literarischer Form näher zu bringen, lässt ihn nach dem Rettungsring greifen, den Hoffmann ihm zuwarf. Und so beendet er seinen Brief mit der Überlegung: »Den Inhalt zu kürzen und in eine Tagebuchform zu giessen, ist ein Vorschlag, der mir liegt.«20
 
6 Das Tagebuch der Christin Oriann
Zuerst beendet Schaus allerdings sein umfassendes Standardwerk über die Geschichte der CSV, Ursprung und Leistung einer Partei, das 1974 erscheint. Anschließend beginnt er, alle drei Romane in Tagebuchform auf Luxemburgisch neu zu schreiben. Wer je als Schriftsteller auch nur einen Teil eines Werkes ganz neu überarbeitet hat weiß, wie frustrierend es sein kann, eine Arbeit, in die man viel Zeit und Mühe investiert hat, buchstäblich noch einmal zu machen. Zudem war Schaus ein Geschichtenerzähler. Kurzprosa zu schreiben lag ihm, diese Gattung hatte er über Jahrzehnte in seinen Kriegs- und Tiergeschichten gepflegt. Mit den fiktiven Tagebüchern betrat er jetzt literarisches Neuland.
 
Nicht nur die Form, auch die Sprache stellt Schaus vor ungeahnte Herausforderungen. In all seinen Erzählungen hatte er mit Vorliebe auf regional gefärbte Ausdrücke wie Pesch oder Bungert für Wiese und Obstgarten (S. 5) zurückgegriffen. Luxemburgismen als gut dosiertes Stilmittel, um Literatur regional zu verankern, sind jedoch etwas ganz anderes, als gleich ein ganzes Werk in einem schriftlich nicht festgelegten Dialekt zu verfassen. Schaus will das Tagebuch nämlich nicht einfach nur auf Luxemburgisch schreiben, nein, es soll ein authentisches Stück Heimatgeschichte werden, festgehalten in der Mundart seines Geburtsorts im Préizerdaul. Damit stellen sich ihm die gleichen Fragen, mit der sich bereits Luxemburger Dichter des 19. Jahrhunderts wie Antoine Meyer und Edmond de La Fontaine beschäftigt haben: Wie gebe ich die klanglichen Nuancen, die meine Redeweise von anderen unterscheidet, im Schriftbild wieder?
 
Wie schreibt man Préizerdaulerisch? Henri Rinnen,
 Mitglied der Luxemburger Wörterbuchkommission,
 ist Schaus bei der Ausarbeitung einer Orthografie behilflich. Brief von H. Rinnen an E. Schaus,
 04.12.1976,
 CNL L-357; II.
In dieser Situation wendet sich Schaus hilfesuchend an einen Experten des Luxemburgischen: Henri Rinnen. Rinnen war Mitglied der neu gegründeten Actioun Lëtzebuergesch und deren Zeitschrift Eis Sprooch, die sich um den Erhalt alter luxemburgischer Sprachdenkmäler bemühte. Mitte der siebziger Jahre war er zudem an der Ausarbeitung eines neuen Luxemburger Wörterbuches beteiligt. Rinnen scheint Schaus den Rat gegeben zu haben, sich in einem ersten Schritt mit den Standardwerken der Luxemburger Orthografie vertraut zu machen. Im Sommer 1975 schreibt Schaus in einem Brief an Rinnen, er habe die von ihm vorgeschlagenen Wörterbücher und Grammatiken durchgesehen. »Trotz dës R[obert] Bruch sën ech mer nach nit iweraul äns mat der Ortografi.«21 Rinnen ermutigt ihn, so weit wie möglich »nëmmen Dauler« zu schreiben. Um die Leser nicht durch das ungewohnte Schriftbild zu verschrecken, schlägt er vor, im Vorwort einige Erklärungen zum Dialekt zu geben, »déi Apaartheten erausschaffen a virstellen«. Er regt sogar an, den Text auf Band zu sprechen und dem Leser so die Geschichte auf einem beiliegenden Tonträger unmittelbar zu vermitteln. Zugleich bedauert Rinnen, das Tagebuch wegen Geldmangel nicht in Eis Sprooch herausbringen zu können.22
 
Auszug aus Christin Oriann. Manuskript,
 1975,
 CNL L-357; I.1.4 (9).
Ob finanzielle oder verfasserische Probleme nun der Hauptgrund sind, jedenfalls dauert es noch drei Jahre, bevor die Geschichte in Tagebuchform gedruckt wird. Zwischendurch stöhnt Schaus einmal mehr über die sprachlichen Schwierigkeiten: »Ech wäerd mer éng Léiër dros zéiën, datt ä mat éngem ägene Patois et schwéier krëtt.«23 Ende 1977 wendet sich Schaus an die Association luxembourgeoise des universitaires catholiques (ALUC).24 Das Redaktionskomitee des Jahrbuchs der ALUC nimmt das Manuskript an und so wird der knapp zwanzigseitige Text 1978 publiziert.25 Der Titel lautet, völlig unerwartet, Christin Oriann (os hire perséinlechen Notizen). Nicht Lisa Timesch, auch nicht wie ehedem Marthe Orianne, sondern Christin. Hat Schaus doch nicht Lisas Geschichte niedergeschrieben? Beim Lesen wird jedoch schnell klar, dass die Tagebuchauszüge peinlich genau die Ereignisse im Roman zwischen 1920, als Lisa zum ersten Mal einen Brief von Mathias aus Toulouse erhält, bis kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes 1929 wiedergeben. Da jeder Tagebucheintrag datiert ist, kann Schaus nicht einfach zehn Jahre überspringen. Der Sprung zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges gelingt dem Autor aber dennoch: Die letzten Einträge handeln davon, wie Christin und Martin, so heißt ihr Mann im Tagebuch, gerade das vierte Kind getauft haben und einen neuen Krieg herannahen sehen.
 
Dies ist ohne Zweifel Lisa Timeschs Geschichte. Warum also hat Schaus erneut alle Namen geändert? Mathias heißt Martin, obwohl er in allen anderen Punkten mit Mathias Arens identisch ist. Schaus äußert sich hierzu weder in einem Brief noch in seinen Notizen. Es ist umso seltsamer, als Schaus in einer Vorbemerkung klar sagt, der folgende Text bilde den Kern eines Romans. Das Tagebuch macht als Schnupperprobe für den noch zu veröffentlichen Roman nur dann Sinn, wenn ein potenzieller Käufer auf den ersten Blick sieht, dass es sich um die gleiche Geschichte handelt.
 
Auch das überlieferte Manuskript von Christin Oriann gibt keine Erklärung für die Namensänderung. Es ist aber dennoch aufschlussreich, denn hier wird deutlich, wie viel Mühe Schaus tatsächlich mit dem ägene Patois hatte. Jede der vierundzwanzig Schreibmaschinen getippten Seiten enthält mindestens eine, oft sogar mehrere handschriftliche Verbesserungen pro Reihe. Der Autor war sichtlich bemüht, ein möglichst in sich kohärentes, unverfälschtes Sprachzeugnis des Préizerdauler Dialektes abzuliefern.
 
7 Lisa Timesch a Biller duergestault
Auszug aus D'Lisa Timesch a Biller duergestault. Erster Entwurf,
 1978,
 CNL L-357; I.1.4 (11).
Im März 1978 erscheint das Tagebuch der Christin Oriann. Doch Schaus gelingt es nicht, diese Geschichte, die ihm so viele Jahrzehnte am Herzen lag, ad acta zu legen. Im Oktober berichtet er seinem Freund Nic Estgen, er habe sich das Romanmanuskript Lisa Timesch, das mehr als fünf Jahre unbeachtet dalag, wieder vorgenommen. Sei es, dass er mit der Tagebuchform nicht ganz zufrieden war oder dass das Schreiben auf Luxemburgisch ihn auf den Geschmack gebracht hatte, jedenfalls probiert Schaus, den Stoff nochmals in eine andere Form zu gießen. Diesmal versucht er sich an Theaterbildern. In kurzen, schlaglichtartigen Szenen zeichnet er grob die wichtigsten Ereignisse aus dem Roman nach. Zeitlich stimmen die Theaterbilder genau mit dem Tagebuch überein, von Mathiasʼ erstem Brief an Lisa bis zur Tauffeier 1939.
 
Postkarte aus dem Préizerdaul. Syndicat d'Initiative Bettborn. Schaus war Mitglied der Amis de l'histoire du Préitzerdaul. CNL L-357 IV.2.1 (1).
Ein erster handschriftlicher Entwurf und ein getipptes Manuskript vom November 1978 sind überliefert. Zwischen Schausʼ Aussage »DʼSaach vun den Theaterbiller kéint mer nit méi os dem Kapp«26 bis zum fertigen Text liegen also nur knapp vier Wochen. Der Entwurf wirkt auch dementsprechend roh, unfertig. Es ist nicht ersichtlich, ob Schaus die Bilder in dieser Form veröffentlichen oder lediglich, anwendungsorientiert, ein Skript für eine Aufführung liefern wollte. Jedenfalls hat der Autor vor, schon im Herbst 1979 sowohl den Roman wie auch die Theaterbilder öffentlich vorzustellen. 27 Dazu kommt es jedoch nicht. Lisa Timesch a Biller duergestault wurde nie veröffentlicht oder aufgeführt. Trotzdem sind die beiden Manuskripte ein interessanter Meilenstein auf dem Weg zur endgültigen Fertigstellung des Romans. Die beiden Hauptfiguren heißen wieder Lisa und Mätt, wie im Roman. Schaus hat sich jetzt endgültig auf diese Namen festgelegt. Lisas Heimatdorf ist diesmal jedoch nicht Baville, sondern der fiktive Ort Bäeschbech. Ein Blick auf die Luxemburger Landkarte gibt Aufschluss: Schausʼ Geburtsort Reimberg (Rëmmerech) liegt auf halbem Weg zwischen den beiden Dörfern Buschrodt (Bëschrued) und Buschdorf (Bëschdrëf). Eine Verschmelzung dieser drei Orte zu dem fiktiven Flecken Bäeschbech klingt da plausibel. Dass Bäeschbech für Schausʼ Heimatdorf steht, wird in der letzten Szene besonders deutlich. Lisas Vater gratuliert zum vierten Kind und prophezeit weiteren Nachwuchs, »wi de Strooss, dien dichtegen Auermécher vun doheem.« 28 Damit ist niemand anders gemeint als die Uhrmacherfamilie Straus aus Reimberg, deren Familiengeschichte Emil Schaus detailgetreu nachgezeichnet hat. 29 Dieser eindeutige Fingerzeig nach Reimberg fehlt im Roman.
 
8 Ein Traum wird wahr
Während Schaus an den Theaterbildern arbeitet, erhält er ein Feedback zum gerade veröffentlichten Tagebuch der Christin Oriann. Cornel Meder, Direktor der Mittelschule in Petingen, Herausgeber der Reihen impuls und mol für junge Luxemburger Literatur und selbst Autor diverser Erzählungen, Dramen und Gedichte, möchte sich mit ihm über den Roman unterhalten, der Vorlage für Christin Oriann war.30 Vielleicht ist es Meders Interesse, das Schaus ermutigt, sein Romanprojekt voranzutreiben. Bis Ende März 1979 feilt er an der Version von 1972 herum, ersetzt einzelne Wörter durch andere, ändert hier und dort den Satzbau, fügt Satzzeichen ein und verbessert Tippfehler. Alles in allem hält er aber am ursprünglichen Text fest. Nur ein Abschnitt erhält, wie bereits 1972, größere Änderungen: das Streitgespräch während der Abendgesellschaft, die zentrale Szene über Nachwuchs und Familie.
 
Vierzig Jahre nach dem ersten Entwurf, der fertige Roman, 1979.
Diese Unterhaltung spiegelt, wie ja bereits oben erwähnt, die Diskussionen der siebziger Jahre um die Rolle der Frau, die Stellung kinderreicher Familien und die Möglichkeiten des Staats, Einfluss auf die Familienplanung zu nehmen, wider. Schaus muss gespürt haben, dass eine solche auf die Aktualität bezogene Szene ein viel kürzeres Verfallsdatum hat als etwa die Kindheitsbeschreibungen im ersten Teil des Romans. Das Gespräch während der Abendgesellschaft soll keinen historischen Rückblick geben, es will die aktuelle Debatte mitbestimmen. Da können Argumente und Ausdrücke, die 1972 noch vernünftig klangen, sieben Jahre später unter Umständen überholt sein. Insbesondere Ginettes und Gilsons Wortgefecht wird deswegen auf zwei handschriftlichen Seiten noch einmal gründlich überarbeitet.
 
Ende 1978 gibt Schaus seinem Freund Nic Estgen das fertige Manuskript zu lesen. 31 Wie dessen Urteil ausfiel, wissen wir nicht, aber schon einige Monate später, am 27. April 1979, unterschreibt Schaus einen Buchvertrag mit der Imprimerie Saint-Paul32 und noch im gleichen Jahr wird der Roman veröffentlicht. Der Zeitpunkt hätte passender nicht sein können, wie Nic Estgen im Vorwort bemerkt. Nach vierzig Jahren Warten, Zögern und Irren, ist Schausʼ Traum vom Kinde im Internationalen Jahr des Kindes zwischen zwei Buchdeckeln wahr geworden.

 
Bibliographie:
 
1 »Eines Nachts hatte ich die Geschichte geträumt. In einer Woche hatte ich sie niedergeschrieben.« p.e.: Kuck mal, wer da schreibt! In: Revue, 22.05.1996, S. 83.
2 Emil Schaus: Lisa Timesch. Roman. Luxemburg: St.-Paulus-Druckerei, 1979.
3 Auch Schaus sieht diese Szene als Kernstück des Romans an. »Im Kern des Buches auch eine Diskution [sic] in einer Abendgesellschaft.« Aus: Schausʼ Briefentwurf an seinen Cousin Joss Adam, 20.05.1979, CNL L-357; II.
4 »In einer Zeit, wo von Kinderfreundlichkeit zu viel geredet wird, kommt es darauf an, dass auch bleibende, fortwirkende Familienwerte geschaffen werden.« Aus: Schausʼ Entwurf einer Voranzeige für Heimat und Mission, adressiert an Herrn Breser, 06.07.1979, CNL L-357; II.
5 Typoskript ›Lisa Timesch. Ein Geschenkbuch für die Feiertage.‹ Schausʼ Pressemitteilung als Vorlage zu ›Bücher für den Weihnachtstisch‹. In: Gaart an Heem, 12 (1979), S. 195. CNL L-357; III.1.1 (8).
6 Brief von Emil Schaus an Nic Estgen, 06.08.1979, CNL L-357; II.
7 Plan zur Entstehung von Lisa Timesch, eine Seite, handschriftlich, CNL L-357; I.1.4 (12).
8 Brief von Emil Schaus an Pierre Grégoire, 21.09.1970, CNL L-357; II.
9 Brief von Emil Schaus an Jean Bernard, 10.09.1945, CNL L-357; II.
10 Siehe sowohl S. 151-152 im Roman, also auch Schausʼ Bericht im Anhang zu seinem Brief an Herrn Janssens vom Congrès international de la famille et de la population in Brüssel, 02.04.1946, CNL L-357; II. Die Argumente und Statistiken, die Schaus benutzt, sind in beiden Fällen dieselben.
11 Marc Turpel: Heute wie gestern: die Familie als Aufgabe und Verpflichtung. Zum 35. Anniversaire der AFP: Ein Interview mit Emil Schaus, erster AFP-Generalsekretär. In: Luxemburger Wort, 11.07.1981, S. 21.
12 Cf Robert Goebbels: Zweckentfremdung von Steuergeldern? CNL L-357; III.1.2 (1).
13 Plan zur Entstehung von Lisa Timesch, CNL L-357; I.1.4 (12).
14 ‘Nominations du sieur Jean Siméon Orianneʼ, CNL L-357; I.1.4 (1).
15 Brief von Pierre Grégoire an Emil Schaus, 21.01.1971, CNL L-357; II.
16 S. 190-191, CNL L-357; III.1.4 (2).
17 Evamarie Bange: Hausgeburt oder Entbindungsklinik? Die Maternité Grande-Duchesse Charlotte. In: Ons Stad 100 (2012), S. 60.
18 Vergl. Manuskript S. 154, CNL L-357; III.1.4 (3) und S. 167 in Lisa Timesch, 1979.
19 Brief von Fernand Hoffmann an Emil Schaus, 16.02.1973, CNL L-357; II.
20 Brief von Emil Schaus an Fernand Hoffmann, 24.02.1973, CNL L-357; II.
21 Brief von Emil Schaus an Henri Rinnen, 03.09.1975, CNL L-357; II.
22 Brief von Henri Rinnen an Emil Schaus, 18.09.1975, CNL L-357; II.
23 Brief von Emil Schaus an Henri Rinnen, 24.11.1976, CNL L-357; II.
24 Brief von Emil Schaus an Joseph Klopp, 15.12.1977, CNL L-357; II.
25 Emil Schaus: Christin Oriann (os hire perséinlechen Notizen). In: Annuaire de l'ALUC 1978, S. 223-241.
26 Brief von Emil Schaus an Nic Estgen, 29.10.1978, CNL L-357; II.
27 Brief von Emil Schaus an Nic Estgen, 11.11.1978, CNL L-357; II.
28 S. 18, schreibmaschinenschriftliche Fassung vom 28.11.1978, CNL L-357; I.1.4 (10).
29 Emil Schaus: Die Straus. Eine Dynastie von Uhrmachern. Luxembourg: De Frëndeskrees, 1981.
30 Brief von Cornel Meder an Emil Schaus, 08.11.1978, CNL L-357; II.
31 »Estgen hat den Roman Lisa Timesch mitgenommen. Ich will freilich noch sein Urteil hören, bevor wir von Ihrer Zuvorkommenheit Gebrauch machen.« Brief von Emil Schaus an Direktor Heiderscheid, 26.11.1978, CNL L-357; II.
32 Vertrag zwischen Emil Schaus, der Action familiale et populaire und der Imprimerie Saint-Paul, CNL L-357; III.6 (2).
 

 

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