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40. Hans Carossa:
 
Der Arzt Gion


geschrieben: 1931
(193 Seiten)
 
gelesen im Oktober 2014
Fazit: **** LIKE

 
Hans Carossa (1878-1956) war ein Zeitgenosse von Peter Bamm und so erhofften wir uns, an seiner Erzählung ähnliche Freude zu haben wie an Bamms Die unsichtbare Flagge. Und auch hier wurden wir nicht enttäuscht.
 
Genau wie bei Bamm ist der Protagonist Gion ein Arzt und die Erzählung beschreibt Szenen aus ein bis zwei Jahren seines Lebens. Die Handlung spielt in der Zwischenkriegszeit, irgendwo im Süden Deutschlands. Zufällig hatten wir uns zur gleichen Zeit die Weihnachtsserie Das Nesthäkchen noch einmal angeschaut und stellten uns Gion ähnlich wie Annemaries Vater vor, der ja auch Arzt war. Was uns den Protagonisten schon sehr sympatisch machte.
 
Interessant waren vor allem die Szenen, in denen Gion seine Patienten behandelt und Carossa das medizinische Wissen der damaligen Zeit erläutert. So erfährt man einige haarsträubende Methoden, wie zum Beispiel, dass die Ärzte noch kein Problem damit hatten, schwangere Frauen wiederholt Roentgenstrahlen auszusetzen.
 
Der Großteil der Geschichte beschreibt allerdings nicht medizinische Aspekte, sondern zwischenmenschliche Beziehungen. Wir erfahren, wie das Leben Gions und seiner Mitmenschen verändert wird. Gions Hauptpatientin ist die schwangere Dienstmagd Emerenz, und ihr tragisches Schicksal zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung und verknüpft schließlich alle Personen der Geschichte miteinander. Die Künstlerin Cynthia, an der Gion nicht nur ein rein ärztliches Interesse hegt, überwindet am Ende ihre Bindungsangst und zieht mit Gion zusammen. Der kleine Straßenjunge Toni, der den Passanten mit einem Fernrohr die Sterne zeigt um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird schlussendlich von Gion adoptiert und sein Interesse an der Medizin wird gefördert, so dass man annehmen kann, dass er späterhin auch Arzt werden wird.
 
Das Kapitel, in dem Toni sich in eine Jahrmarktschaustellerin verliebt und von ihr enttäuscht wird hat uns sehr gut gefallen. Die Welt der Jahrmärkte, die auch heute noch der Hauch alter Zeit umweht, versetzt Tonis Geschichte in eine düstere Stimmung, die perfekt zu seinem ärmlichen Leben, seinem Liebeskummer und dem Tod seiner Großmutter passt. Dieses traurige Ereignis markiert allerdings auch einen Wendepunkt in Tonis Leben, und seine Zukunft wird von da an besser aussehen.
 
Durch die einzelnen Charaktere und Begebenheiten wird die damalige Zeit anschaulich beschrieben. Menschen, die Kriegsmonumente besichtigen, Gions nächtlicher Spaziergang durch die bayerische Kleinstadt, die Wanderung in die Berge: bei jeder Szene fühlten wir uns wieder ins Nesthäckchen-Universum versetzt. Obwohl Carossas Erzählung noch nicht in einem Film verarbeitet wurde, kam es uns dennoch so vor. Wenn ein Autor so anschaulich schreiben kann, hebt das den Genuss eines Buches ungemein. Daher also wieder ein absolutes LIKE.
 
Außerdem erlebten wir zusätzlich eine weitere angenehme Überraschung: Die Erzählung ist Teil eines Sammelbandes von Carossas Werken, und beim Durchblättern des Buches stießen wir auf das Gedicht Der alte Brunnen, was uns ein totales Déjà-Vu Erlebnis bescherte. Erinnerungen an unsere Schulzeit, in der wir das Gedicht zum ersten Mal gelesen hatten, kamen wieder hoch. Es ist so wunderschön romantisch und dennoch hatten wir es über die Jahre komplett vergessen und wussten nicht einmal, dass Carossa der Autor des Gedichts war. So sind wir froh, dass wir es jetzt durch Zufall wiedergefunden haben und deshalb wird die Rezension von Carossas Erzählung mit folgenden Zeilen des Gedichts abgeschlossen:
 
"Viel Wandrer gehen fern im Sternenschimmer,
Und mancher noch ist auf dem Weg zu dir."
 
Leseprobe:
 
 

 

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