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10. Peter Bamm:
 
Die unsichtbare Flagge


geschrieben: 1952
(339 Seiten)
 
gelesen im November/Dezember 2013
Fazit: **** LIKE

 
Die Wahl fiel dieses Mal nicht auf einen Roman sondern auf einen Tatsachenbericht. Der Autor Peter Bamm (1897-1975) war während des Zweiten Weltkriegs Militärarzt bei einer deutschen Truppe, und in dem Buch beschreibt er das tägliche Leben und die Probleme eines Lazarettarztes im Krieg. Kriegsberichte hören sich nicht unbedingt nach großem Lesevergnügen an, aber Die unsichtbare Flagge hat uns von der ersten Seite an gefallen. Bamm schreibt keineswegs langweilig und trocken, im Gegenteil, die Landschaftsbeschreibungen sind teilweise sehr poetisch, die Personen werden durch direkte Rede und witzige Anekdoten lebhaft und sympatisch dargestellt und häufige Referenzen zu klassischen und mythologischen Themen zeugen von der Intellektualität und Belesenheit des Autors.
 
Das Buch ist in 36 kleine Kapitel unterteilt, und jedes Kapitel beschreibt eine Szene aus dem Kriegsgeschehen der deutschen Truppen in Südrussland. Obwohl die Szenen pro Kapitel abgeschlossen sind, erhält das Buch doch eine Art Kontinuität, da der Leser mit den Truppen vorwärts marschiert, vom Dnjestr bis in den Kaukasus und zurück nach Litauen. Da wir diese Gegenden selbst bereist haben oder einmal dorthin fahren wollen, war es schon von besonderem Reiz für uns, Bamms Landschaftsbeschreibungen zu lesen.
 
Auch lässt der Autor immer wieder die gleichen Soldaten und Offiziere als Protagonisten auftauchen, was dem Leser das Gefühl gibt, doch eher einen Roman als einen Bericht zu lesen und das hat uns sehr gut gefallen. Die Personen werden einem im Laufe des Buches sehr vertraut, besonders hervorzuheben sind hier der hilfsbereite Hauptmann Stubbe mit seinen Zugmaschinen, Feldwebel Gehrmann, der als Lazaretthilfe unentbehrlich ist, und Sambo, auf dessen Fähigkeit, benötigte Medikamente und andere Sachen zu besorgen, man vertrauen kann. Am Ende des Buches wird kurz berichtet, wie es diesen Menschen nach dem Krieg weiter erging, und da wird man sich wieder bewusst, dass es eben kein fiktiver, sondern ein Tatsachenbericht war, den man gelesen hat, und dass diese Menschen wirklich gelebt haben.
 
Die Zeitzeugenberichte über den Zweiten Weltkrieg, die wir bis jetzt gelesen haben, wurden zum größten Teil von Juden, die den Holocaust überlebt haben, von alliierten Soldaten oder Luxemburger Zwangsrekrutierten geschrieben. Und vor einigen Wochen haben wir mit La grande saignée von Jonas Avižius einen Roman gelesen, der das Leben in Litauen während des Zweiten Weltkriegs zeigte. Eine besonders interessante Erfahrung war für uns deswegen, hier den Krieg einmal aus der anderen Perspektive, nämlich der eines deutschen Offiziers, zu sehen. Bamm zeigt, dass die Soldaten innerhalb der Truppe sich aufeinander verlassen konnten, und die Kollegialität (oder manchmal eben der Mangel hiervon) bei den Deutschen nicht anders war als bei den Alliierten. Als Arzt versorgte Bamm sowohl eigene Leute als auch die Soldaten der gegnerischen Armee. Auch war die Stimmung der Truppe gegenüber dem Führer und der Obrigkeit keineswegs so positiv wie man das meinen könnte. Die einfachen Soldaten und vor allem Bamm selbst waren nicht mit allem einverstanden, was der "primitive Mann an der Spitze" befahl, aber was konnte der einzelne schon tun, wenn der Vorgesetzte jeden erschiessen konnte, der aufbegehrte? Vielleicht wollte Bamm durch diesen Bericht auch ein bisschen die enorme Schuld und Verdammnis von den deutschen Soldaten nehmen, die ihnen aufgebürdet wurde, und den Leser dazu anregen, sich zu fragen, ob er in einer solchen Situation wirklich so anders reagiert hätte.
 
Fazit: interessanter Bericht, sympatische Charaktere, gute Sprache. It's a LIKE.
 
Leseprobe:
 
 

 

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