4. Scholem Alejchem:
Geschichten aus Anatevka
geschrieben: 1907
Originaltitel: כתבֿים פֿון אַ ייִנגל אַ יתום (hebräisch)
(279 Seiten)
gelesen im Mai 2013
Fazit: *** LIKE
Dieses Buch ist eine Kollektion von acht Kurzgeschichten, und einer größeren Geschichte, die über die Hälfte des Buches einnimmt. Die Kurzgeschichten sind alle mehr oder weniger lustig und der uns bisher unbekannte, jüdische Humor war eine freudige Entdeckung. Die Geschichte Eine Begegnung gefiel uns besonders. Darin kauft ein Jude am Bahnhof eine antisemitische Zeitung, mit dem Plan, sie im Zug zu lesen, damit niemand auf die Idee kommt, er sei Jude. So will er sich andere jüdische Zugreisende vom Halse schaffen, die sonst auf die Idee kommen könnten, sich zu ihm ins Abteil zu setzen. Der Plan schlägt fehl, weil ein anderer Jude den gleichen Plan mit der Zeitung hat und sich zu ihm setzt. Die beiden "verkleideten Antisemiten" betrachten sich eine Weile argwöhnisch, und erst nachdem sie ein jüdisches Lied gepfiffen haben ist das Eis gebrochen, und sie begrüßen sich freundlich.

In vielen Geschichten beschreibt Sholem Alejchem (1859-1916) den Alltag in der mitteleuropäischen jüdischen Kultur mit viel Witz und oft auch schwarzem Humor aus der Sicht der Kinder, etwa in der Hauptgeschichte des Buches, Das Tagebuch eines Knaben. Dies ist die deutsche Übersetzung des ersten Teiles des 1907 auf Yiddisch geschriebenen Kinderbuchs כתבֿים פֿון אַ ייִנגל אַ יתום [Motl peysi dem khazns]. In kurzen, burlesken Anekdoten wird die Geschichte des Halbwaisen Mottel erzählt. Dessen älterer Bruder versucht, mit immer abstruseren Methoden, zu Geld zu kommen. Schließlich will die Familie ihrem verarmten Dasein im Stedtl in der Ukraine entfliehen und nach Amerika auswandern. Nachdem sie durch ganz Mitteleuropa gewandert sind und viele komische und manchmal gefährliche Erfahrungen gemacht haben, kommen sie endlich am Hafen in Antwerpen an. Hier bricht die Geschichte ab. In einem zweiten Teil, den wir aber nicht gelesen haben, werden Mottels Abenteuer in Amerika beschrieben.
Der Autor Scholem Alejchem (interessantes Pseudonym!) ist selbst in späten Jahren nach New York ausgewandert, somit konnte er sich wohl in die Haut des kleinen Mottel hineinversetzen. Ob seine Reise auch so chaotisch verlief? Er hat die Eigenarten der "kleinen" weltunerfahrenen Leute auf jeden Fall gut beobachtet und schildert sie amüsiert, aber einfühlsam und keineswegs gehässig. Er wird des öfteren als "jüdischer Mark Twain" gepriesen, und der Vergleich scheint uns richtig. Sein bekanntestes Werk Tevje der Milchmann wurde zu dem berühmten Musical Anatevka. Das könnte man sich vielleicht auch einmal antun.
Fazit: witzig, gut beobachtet, einfühlsam, neue Kultur entdeckt – it's a LIKE.
Leseprobe:
Book 3 Table of Contents 1 Book 5