logo
Search:

7. Ivo Andrić:
 
Wesire und Konsuln


geschrieben: 1945
Originaltitel: Травничка хроника: консулска времена (serbisch)
(400 Seiten)
 
gelesen im Oktober/November 2013
Fazit: **** LIKE

 
Die Geschichte spielt in Bosnien zur Zeit der napoleonischen Kriege. Der Originaltitel Травничка хроника: консулска времена [Travniker Chronik: die Zeiten der Konsuln] beschreibt den Inhalt sehr gut. Ivo Andrić (1892-1975) hat sich für seinen Roman auf die Aufzeichnungen des französischen Konsuls basiert, der sein Land sieben Jahre lang in Travnik vertrat. In episodenhaften Szenen erhält der Leser Einsicht in den privaten Tagesablauf und die Gedanken der französischen und österreichischen Konsuln in Bosnien.
 
Obwohl sich das Buch zunächst etwas langsam anging, haben wir mit Genuss diese sowohl geographisch als auch zeitlich für uns neue Kultur kennengelernt. Jede Episode stellt eine neue Figur vor, oft originelle Käutze, die das Leben aus irgendeinem Grunde in diese Provinzstadt des türkischen Reiches verschlagen hat. Eigentlich kann man sich gut vorstellen, dass jede der Kurzgeschichten zu einem großen Roman ausgebaut werden könnte.
 
Von den Hauptpersonen des Romans haben uns zwei besonders gut gefallen: der französische Konsul Daville, pflichtbewusst, introvertiert und ständig von Selbstzweifeln und Gedanken geplagt, und sein jüngerer Mitarbeiter Des Fossés, der sich für alles Neue begeistern kann und versucht, die Kultur des fremden Landes zu verstehen.
 
Ivo Andrić, ein bekannter serbischer Schriftsteller, war eine Neuentdeckung für uns. Geboren im bosnischen Travnik, als Kind katholischer Eltern, fühlte er sich eher der serbischen Kultur verbunden. Die muslimisch-bosnische Bevölkerung wird in der Geschichte nicht besonders positiv dargestellt: während Andrić die serbischen Rebellen geradezu feiert und auch die türkischen Wesire menschliche Tiefe aufzeigen, erscheinen alle bosnischen Einwohner stereotyp kleingeistig, jeder Erneuerung und allen Fremden gegenüber feindselig eingestellt. Interessant ist auch Andrićs Fazit, dass das Aufeinanderstoßen dieser gegensätzlichen Mentalitäten irgendwann zu einem größeren Konflikt führen wird. Das scheint während des Zweiten Weltkriegs, zu Beginn der jugoslawischen Union, als das Buch geschrieben wurde, geradezu prophetisch.
 
Ein Manko des Buches war eine stilistische Eigenart: fast jeder Satz enthält doppelt- und dreifach synonyme Aussagen, von der Art "es war gut und angenehm und schön dass XY dies sagte und meinte und aussprach." Dies machte das Vorlesen stellenweise doch etwas langatmig, so dass Sandra irgendwann dazu überging, einen Teil der doppelt-gemoppelten Aussagen einfach wegzulesen.
 
Fazit: Stil etwas langatmig, aber interessante Figuren, eine Fülle historischer und kultureller Details – it's a LIKE.
 
Leseprobe:
 
 

 

Book 6                              Table of Contents 1                              Book 8