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22. Mario Borrelli:
 
Don Vesuvio


geschrieben: 1963
Originaltitel: Napoli d'oro e di stracci (italienisch)
(200 Seiten)
 
gelesen im März/April 2014
Fazit: **** LIKE

 
Und wieder einmal hatten wir uns für einen autobiographischen Roman entschieden, nachdem wir mit Peter Bamms Kriegsbericht bereits eine gute Erfahrung gemacht hatten. Wie Bamm beschreibt auch Mario Borrelli (1922-2007) nur einen kleinen Auszug aus seinem Leben: in einer kurzen Einleitung erklärt er, wie er zum Beruf des Priesters gekommen ist, während er in dem Hauptteil berichtet, wie er sich in das Leben der Scugnizzi, der Strassenkinder von Neapel einschleust und ihr Vertrauen gewinnt, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
 
Das Thema des Priesters, der sich obdachloser Kinder annimmt, wurde bereits in Jorge Amados Roman Capitaines des Sables behandelt, und deshalb hatten wir zunächst befürchtet, dass dieses Buch vielleicht zu ähnlich sein würde, aber während Amado das Thema aus der Perspektive der Jugendlichen zeigt, lesen wir in Borrellis Bericht über die Erfahrungen der anderen Seite, nämlich der des Erwachsenen, der helfen will.
 
Dabei benutzt Borrelli teils eine anekdotenreiche, witzige und lockere Form, mit viel direkter Rede, teils aber auch eine sehr poetische Sprache mit wunderschöner und detailgetreuer Beschreibung der Zeit und des Lebens kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Vor allem seine Liebe zur Stadt Neapel und deren Menschen scheint immer wieder durch. Eine Handvoll Protagonisten tauchen öfters auf, darunter seine Freunde, der Priester Ciccio und der Fotograf Salvatore, der ihn oft auf der Strasse begleitet. Dadurch werden uns die Figuren vertraut und die Autobiographie bekommt eher romanhafte Züge. Auch bringt er es fertig, dem Leser das harte Leben auf der Strasse, das er durch Undercoverarbeit am eigenen Leibe erfahren hat, anschaulich nahe zu bringen.
 
Obwohl Borrelli katholischer Priester war, muss man nicht befürchten, dass das Buch zu sehr religiöse Ansichten vertritt, vielmehr ist er ein wahrer Menschenfreund, der wirklich den Kindern helfen will, auch wenn er hierzu unkonventionelle oder geradezu unorthodoxe Methoden anwenden muss. Lieber riskiert er einen Konflikt mit seinen kirchlichen Vorgesetzten als dass er einfach unterwürfig alles akzeptiert. Ein herrlich rebellischer Prieser also, und so erstaunte es uns nicht weiter, als wir über Wikipedia erfuhren, dass der Autor kurz nach Erscheinen des Buches den Priesterberuf aufgegeben hatte.
 
Einziger Minuspunkt in dem Buch ist die Tatsache, dass Borrelli zwar ein grosses Herz für die Scugnizzi, die alle ausnahmslos Jungen sind, besitzt, jedoch die obdachlosen Mädchen, die in Neapel bestimmt auch sehr zahlreich waren, gänzlich ausser Acht lässt. In einem letzten Kapitel geht er zwar kurz auf dieses Problem ein, ringt sich auch langsam zu einer Art Verständnis für ihr Schicksal auf. Doch das Heim, das er für die Scugnizzi gegründet hatte, scheint trotzdem ausschliesslich den Jungen vorbehalten zu bleiben.
 
Aber gut, Mario Borrelli muss sich ja auch nicht für alle Probleme seiner Heimatstadt zuständig fühlen. Das Buch war auf jeden Fall ein absolutes LIKE.
 
Leseprobe:
 
 

 

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