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Ein koboldbunter Literaturpreis


 
Im Literaturarchiv in Mersch gibt es eine Reihe Kunstobjekte zu sehen, vom Fiischen in der Eingangshalle bis zu den Porträts der Familie Servais im Treppenhaus. Im Flur vor dem Leseraum stand lange Zeit eine knallbunte, 32 cm hohe Keramikskulptur. Die Figur stellt eine stämmige Gestalt mit ausladendem Kopfschmuck dar. Das grüne Mittelteil erinnert einerseits an ein langärmeliges Kleid, andererseits glaubt man darin Kussmund, Schnauzer, Nase und Augen zu erkennen. Gerade an Augen mangelt es der Figur nicht: Die roten Knöpfe auf den Händen scheinen den Betrachter ebenso anzusehen wie, zyklopenhaft, die große grüne Pupille im Kopfschmuck. Dreht man die Skulptur um, blickt man in eine janusartige Version der Vorderseite. Das obere, rote Element ist hier mit einem Fisch versehen und auch das grüne Mittelteil enthält eine Reihe ähnlicher und doch unterschiedlicher Bausteine. Alles in allem lädt das Objekt zum Interpretieren, Nachdenken und Hinterfragen ein.
 
Die Figur wurde 2010 von der polnischstämmigen Luxemburger Künstlerin Klaudia Kampa gestaltet. Nach Studien an der École des Arts-Décoratifs in Strasbourg machte sich Kampa in den 1990er Jahren zunächst als Zeichnerin einen Namen. Sie illustrierte zahlreiche Kinderbücher von Guy Rewenig, unter anderem Tortikolli und Palazzo Matrazzi sowie die Neuausgabe von Muschkilusch. Als die Éditions ultimomondo 2010 ihr zehnjähriges Jubiläum feierten, rief der Verlag aus diesem Anlass auch einen neuen Literaturpreis, den Lëtzebuerger Bicherpräis, ins Leben und gab die Statuette, die den Namen De Koubold trägt, bei der Künstlerin in Auftrag. Kampa fertigte 25 Unikate in jeweils unterschiedlichen Farben und Motiven an, von denen ein Großteil an den ultimomondo-Verlag ging, der den Laureaten des Literaturpreises jeweils eine Figur als ikonische Trophäe überreichte.
 
Der Lëtzebuerger Bicherpräis entstand als Reaktion auf andere luxemburgische Literaturpreise, bei denen stets die Autoren im Mittelpunkt stehen. Der Verlag erklärte in seiner Pressemitteilung, der Preis wolle diejenigen würdigen, die eher im Hintergrund an der Förderung der Luxemburger Literatur arbeiten. Erste Preisträgerin war die Journalistin Corina Ciocârlie, die für ihre Literaturkritiken im Jeudi und der Tageblatt-Beilage Livres/Bücher sowie ihre Arbeit im phi-Verlag gewürdigt wurde.
 
2011 ging der Preis an eine Persönlichkeit, auf die die Beschreibung des ultimomondo-Mitgründers Guy Rewenig, »des travailleuses et travailleurs de l’ombre qui se mettent discrètement au service du livre et de la littérature« besser nicht zutreffen könnte: an Germaine Goetzinger, unter deren Leitung 1995 das Luxemburger Literaturarchiv in Mersch entstand, und die das Haus als Angelpunkt der Luxemburger Literaturszene aufbaute und bis zu ihrer Pensionierung 2012 leitete. Während der Verleihung hieß es in der Begründung, der Preis würdige ihre »zentrale Rolle in der luxemburgischen Literaturwelt und ihre bemerkenswerte Forschungsarbeit und wissenschaftliche Analyse.«
 
Von 2010 bis zur Auflösung des Verlages 2014 wurde der Preis an insgesamt sieben Vereinigungen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vergeben. Die hier gezeigte Statuette wurde jedoch vom Literaturarchiv direkt beim ultimomondo-Verlag erworben und ist heute Teil der fast 200 Einheiten umfassenden Sammlung ›Objets‹ des CNL. Im nächsten Monat werden eine Gruppe weiterer Elemente aus dieser Sammlung vorgestellt, die, pünktlich zur Karnevalszeit, ein hochprozentiges Lesevergnügen versprechen.
 

 

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