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De Niklés’chen von Lexi Brasseur


 
Der 6. Dezember wird von den Kindern in Luxemburg traditionell mit größerer Ungeduld erwartet als die Feiern zum Jahresende. Von Willy Goergens Léiwe Kleeschen gudde Kleeschen bis zu Kanner, loosst mer lëschteg sinn gibt es somit auch eine Vielzahl bekannter Kinderlieder zu diesem Tag.
 
In der Sammlung des Musikkritikers Guy May, die im Mai 2021 in einem Warte-Artikel erstmals von Nicole Sahl vorgestellt wurde, liegt ein weiteres, heute weitgehend vergessenes Nikolauslied, De Niklés’chen, gedruckt auf eine fragile, 38 cm lange quadratische Papierserviette aus dem Jahre 1900. Obwohl an den Rändern leicht beschädigt, ist dieses vielleicht einzige verbliebene Originalexemplar des Liedes erstaunlich gut erhalten.
 
Erstmals erwähnt wird das Lied 1929 von Mathias Tresch in La Chanson populaire luxembourgeoise, wo Text und Melodie mit nur einer kleinen Abweichung in der 2. Strophe abgedruckt sind. Tresch nennt es »une chanson qui a tout pour devenir populaire.« Jules Merschs Biographie nationale von 1971 fügt hinzu, das dreistrophige Lied sei anlässlich eines »Bazar de Charité organisé par la Gym le 6.1.1900« entstanden.
 
Die 1849 gegründete Gym feierte mit dem Wohlfahrtsbasar zugleich ihr 50-jähriges Bestehen. Die Veranstaltung hatte vor allem den Zweck, Gelder für den ersten Kinderhort für bedürftige Familien in Luxemburg zu sammeln, an deren Gründung im Jahre 1898 die Gym aktiv beteiligt gewesen war. Das Gedicht La crèche von Pol Clemen mit Musik von J.A. Müller wurde aus dem gleichen Anlass geschrieben, wie Myriam Sunnen im Objet du mois vom Oktober 2013 darlegte.
 
Der Text von De Niklés’chen stimmt mit den Zielen der Crèche überein: Ein Kind aus armen Verhältnissen erklärt, es habe doch auch gebetet, »ass hien dann daf, firwat brengt hie mir näischt?« Die Mutter, die kein Geld für Weihnachtsgeschenke aufbringen kann, weint stumme Tränen. Die letzte Strophe fordert auf, an die armen Mitmenschen zu denken und »als Nikléschen an der Nuecht« die Kinder zu beschenken. Ein perfektes Lied für einen Wohltätigkeitsbasar.
 
Der Autor Alexis ›Lexi‹ Brasseur war seit 1896 für seine Letzeburger Flautereien bekannt, mit denen er dem Genre des revueartigen Jahresrückblicks in Luxemburg zu Beliebtheit verhalf. Für viele seiner Stücke schrieb er selbst die Musik, auch De Niklés’chen wurde von ihm vertont. Über den Verfasser der letzten Strophe, Bernard Scharff, ist heute nur noch wenig bekannt. Ein Nachruf im Tageblatt vom 12. März 1928 lobt den Bankangestellten als engagierten Theaterfreund und Korrespondenten der Luxemburger Zeitung und des Tageblatts. Zudem schuf Scharff eine Reihe Lieder, wie etwa die Couplets zu René Hemmers Lustspiel D’Madam an d’Mod von 1918.
 
Eine Ankündigung des Basars in der Indépendance luxembourgeoise am 4. Januar 1900 versprach ein attraktives Programm: »Littérature, musique, danse et souper, [...] on y trouvera de quoi satisfaire toutes les exigences, depuis le modeste bibelot jusqu’à la perle fine, depuis le cigare inoffensif de chocolat jusqu’aux arômes parfois perfides de la Havane, depuis le simple verre de bière jusqu’aux flots étincelants du champagne, depuis le biscuit d’une sécheresse préméditée jusqu’à la succulente orange de Valence.« Die Lied-Servietten dienten vielleicht als Unterlage für diese Köstlichkeiten. Dass ein Exemplar seinen Weg ins Literaturarchiv gefunden hat, scheint fast wie ein besonderes Geschenk vom Kleeschen.
 

 

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