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Die Punschschüssel des Kegelclubs La Quille


 
2011 erstand das CNL die anbei abgebildete Punschschüssel beim Antiquariatshändler Armand Wagner. Die Gravuren, die hellgrün vom rotbraunen Untergrund abstechen, zeigen die Mitglieder des Kegelvereins La Quille, der seinen Sitz im hauptstädtischen Casino bourgeois hatte, in geselliger Runde.
 
Über dem Klavier hängt das Wappen des Vereins: zwei Kegel mit einer Kugel. Vier Männer tanzen zur Musik, vier weitere prosten sich zu. Die andere Seite zeigt zwölf Kegelbrüder zu Tisch, einer füllt die Gläser aus der Punschschüssel, andere stoßen an. Über der Zeichnung verläuft ein Fries, der Schweine und Hunde beim Kegelspiel darstellt.
 
Das Casino bourgeois war für hundert Jahre Dreh- und Angelpunkt des liberalen Lebens in der Hauptstadt, wie schon ein Text über bevorstehende Wahlen im Satireblatt D’Wäschfra (23.11.1872) nahelegt. Und noch am 22.10.1930 freut sich Gaston Knaff in der Indépendance luxembourgeoise darüber, dass das Casino, »le solide refuge de la bourgeoisie«, nach Renovierungsarbeiten wieder eröffnet.
 
Der Kegelclub gab eine satirische Zeitschrift heraus, La Quille, von der das CNL sechs zwischen 1905 und 1935 erschienene Ausgaben besitzt. Aus den darin veröffentlichten Gedichten geht hervor, dass neben den Freuden des Kegelns vor allem Speis und Trank sowie politischen Klüngeleien gefrönt wurde:
 
»Am Keller rabbelt d’Kélespiel,
Um Billiard stèst sech Bill u Bill,
Dernîewent get gepolitikt
An ânrem Sall nés gut gejickt.« (Casino-Marsch)
 
Im Casino liegen die Kegelbrüder »hinterm Tisch und saufen, / Doch keine Kugel rollet mehr.« (Klage der Kegelbahn, beides Nr 15, 1911).
 
Doch wer sind die Figuren auf der Schüssel? Bartformen und Kleidung lassen auf eine Entstehungszeit um 1900 bis 1910 schließen. In La Quille Nr 9 von 1905 werden die Kegelbrüder karikiert und in Reimen festgehalten. Da viele Mitglieder auffällige Bärte trugen scheint eine Identifikation möglich. Der »Ritter Pater« könnte mit dem Geigenspieler identisch sein, »Ugenio der Weise, den »die Leute seines Gaues in den Rat der Alten«, also die Abgeordnetenkammer, schickten könnte der Zigarrenraucher am Tisch sein. Nur wer verbirgt sich hinter diesen Spitznamen?
 
Einige Namen sind einfach zu erraten, Ritter Don Baptisto ist der Journalist und Schriftsteller Batty Weber und der Barbarossa-ähnliche »Paolo im Kyffhäuser« der langjährige Regierungschef Paul Eyschen. »Mundschenk Vic, der fröhlich den Humpen schwingt«, und »Robert le Diable«, der mit »gewandter Rede Feuer facht in unsere Seelen, Feuer facht in unsere Kehlen«, tauchen unter den Komitée-Mitgliedern auf: Robert Brasseur als Vizepräsident und Victor Wahl als Kassenwart. Doch scheinen sich die Figuren auf der Schüssel, gleich einem kupfernen Voynich-Manuskript, einer endgültigen Identifizierung zu entziehen.
 
Das Objekt ist vermutlich nach einer Vorlage von Pierre Blanc angefertigt worden, der um 1900 viele Zeichnungen für das Casino entwarf. Fotos und Einblattdrucke aus jener Zeit (Sammlung Guy May, CNL L-427) ermöglichten es, einige Figuren zu entschlüsseln. So ist der Pianist mit dem buschigen Schnauzer wohl der Friedensrichter Albert Layen, auf der Rückseite scheint er rechts am Tisch zu sitzen. Neben dem Wappen, mit Brille und nach oben gedrehtem Schnauzer, steht Henri Nathan, oder ist es vielleicht doch der Anwalt, Pianist und Hobbyfotograf Ernest Heuertz? Im Geigenspieler erkennt man den Direktor des Conservatoire Auguste Klein und der vorhin erwähnte »Mundschenk« Victor Wahl schenkt tatsächlich die Bowle aus, während der Sekttrinker mit Stehkragen rechts oben neben dem Klavier an Félix Servais erinnert. Andere fröhliche Gestalten harren noch der Identifikation. Avis aux amateurs.
 

 

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